Wüsste man das Wetter des kommenden Winters, könnten sich Winterdienste beispielsweise viel besser vorbereiten und ihren Einkauf von Streugut besser planen. Auch im Bereich des Energiesektors besteht großes Interesse an Langfristprognosen um auf zu erwartende Schwankungen aufgrund des Wetter frühzeitig reagieren zu können. Doch wie zuverlässig sind saisonale Langfristprognosen? Und, was noch viel wichtiger ist: Steht uns heuer ein kalter oder milder Winter bevor? Droht uns gar ein Jahrtausendwinter?
Von Bienen, Königskerzen, Diesteln und Co.
Mit Beginn der kalten Jahreszeit haben Hobbymeteorologen und selbsternannte Wetterpropheten wieder Hochkonjunktur. Aus bestimmten Verhaltensweisen von Flora und Fauna ziehen sie Rückschlüsse auf bevorstehende Wetterlagen und daraus abgeleitete Jahreszeitenprognosen. Viele Medien stürzen sich geradezu auf diese Vorhersagen, die oftmals einen „Jahrhundertwinter“ oder „-sommer“ versprechen. Der ehemalige bayerische Almwirt Sepp Haslinger lehnte sich schon im August aus dem Fenster und verkündete einen kalten und schneereichen Winter 2015/16, sprach sogar von einem Jahrhundertwinter. Seine Aussagen beruhen dabei auf dem Blütenstand der Königskerze in seinem Garten, anhand dessen er seine Vorhersage erstellt. Eigenen Angaben zufolge hat er sich bei seinen Prognosen noch nie geirrt, eine Behauptung die sich naturgemäß nur schwer widerlegen lässt.
Weitere Hilfsmittel für Saisonprognosen von Naturliebhabern und Hobbymeteorologen sind auch die Höhe der Nesthügel gewöhnlicher Ameisen. So deuten überdurchschnittlich hohe Ameisenhügel auf einen strengen und schneereichen Winter, da die Tiere sich mit einem hohen Hügel für die zu erwartende harte Jahreszeit rüsten. Aus dem Salzburger Pinzgau kommt eine Regel, die ebenfalls mit Pflanzen zu tun hat: „Je höher die Disteln wachsen, desto schneereicher wird der Winter.“ Untermauert wird die These noch von den Bienen, die vor einem strengen Winter mehr Honig produzieren und ihren Bienenstock mit Propolis (Kittharz) besonders intensiv abdichten, damit die Wärme nicht entweichen kann.
Was sagt die Wissenschaft?
Während viele Hobbyprognostiker eher auf rudimentäre Methoden zurückgreifen, ergeben sich seit Beginn des Computerzeitalters für Berufsmeteorologen völlig neue Möglichkeiten. Ausgehend vom Ist-Zustand der Atmosphäre wird von hochmodernen, leistungsstarken Computern mithilfe mathematischer Gleichungen das Wetter für die nächsten Tage berechnet. Gewisse Wettermodelle erstellen auch Langfristprognosen, allerdings werden diese mit anderen Voraussetzungen erstellt. So spielen etwa Temperaturanomalien großer Meeresflächen eine stärkere Rolle. In einem Zeitraum bis zu zwei Wochen haben diese Abweichungen kaum Auswirkungen, in einem längeren Zeitraum von mehreren Monaten aber sehr wohl.
Nordatlantische Oszillation
Um eine halbwegs seriöse Vorhersage für die nächsten Monate treffen zu können, muss man die großräumigen Zirkulationsmuster der Atmosphäre betrachten, die zumeist nur träge reagieren und sich deshalb nur langsam verändern. Mitentscheidend für das Winterwetter im Alpenraum ist hier schwerpunktmäßig die sogenannte Nordatlantische Oszillation (NAO). In der Meteorologie versteht man darunter die Schwankung des Druckverhältnisses zwischen dem Islandtief im Norden und dem Azorenhoch im Süden über dem Nordatlantik. Der NAO-Index gibt im Wesentlichen die sich verändernde Stärke der Westwindzone an, die in Europa das Wetter besonders im Winter beeinflusst. Bei einem positiven NAO-Index sind sowohl Azorenhoch als auch Islandtief gut ausgebildet. Dies führt in den meisten Fällen zu einer starken Westwinddrift und einem eher milden und feuchten Winter. Bei einem negativen Index sind die Hoch- und Tiefdruckzentren hingegen schwächer ausgeprägt, womit auch die Westwinddrift nachlässt, teilweise sogar vollständig zusammenbricht und Kaltlufteinbrüche aus Russland oder Sibirien leichter den Alpenraum erreichen können.
Winter voraussichtlich zu warm und zu feucht
Der amerikanische Wetterdienst erstellt regelmäßig Langfristprognosen für Europa. Diese Vorhersagen sind nicht mit normalen Wetterberichten vergleichbar, geben also keinen Aufschluss darüber, ob es an Heilig Abend im westlichen Alpenraum schneit oder welche Bewölkung vorherrscht. Vielmehr geben sie einen Trend wieder, der angibt ob Niederschlag bzw. Temperatur im Vergleich zur langjährigen Klimatologie überdurchschnittlich, normal oder unterdurchschnittlich ausfällt. Mit Abweichungen von 2 bis 3 Grad über dem Mittel sind sich die Amerikaner für den Winter 2015/16 im Alpenraum einig: Der Winter wird deutlich zu mild ausfallen, was auf eine deutlich positiven NAO-Index hindeuten würde! Auch wenn diese Prognose nur eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen milden Winter angibt, so steht sie doch im krassen Gegensatz zu den Ankündigung der Hobbywetterpropheten. Was den Niederschlag anbelangt, so geht das amerikanische Modell von einem etwas zu nassen Winter aus, vor allem in den westlichen Landesteilen. Allerdings ergäben die Hochrechnung der zu erwartenden Abweichung über den gesamten Winter gesehen gerade einmal 40 Liter pro Quadratmeter zusätzlich. Dies lässt zudem keine Rückschlüsse zu, ob dieser Niederschlag nun in Form von Regen oder Schnee fällt. Sollte die Temperaturprognose eintreffen wäre für die Niederungen aber auf jeden Fall das meiste in Form von Regen. Eine seriöse, wissenschaftliche Aussage über die zu erwartende Schneemenge ist jedenfalls nicht nur schwierig, sondern nahezu unmöglich.